YEONWOO CHANG 


Dresden - Vienna - Seoul ︎

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PROJECTS

Current Projects:

-Participating artist of Transcultural Academy 2023, Japanisches Palais, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Germany

2023.

Stichting Destination Unknown 2023
Artist Residency & Exhibition former Philips Factory, Roermond, Netherlands


Moon Jar Project
Diplom Exhibition, Oktogon, HfBK Dresden


Chasing Waterfalls 
-Two Head Problem 
Senatsaal, HfBK, Dresden, Germany 

2022.

어 White Tiger 
A SYMPHONY OF HORROR
Studio Class Philipsz, Pfotenhauerstraße, HfBK Dresden, Germany

Broken White Noise 
SOUND SPACE BODY
Weiße Gasse, Dresden, Germany

Whipped White Tale
SOUND SPACE BODY
Weiße Gasse, Dresden, Germany 

Eclipse Radio 
Radio International
Manifesta 14, Prishtina, Kosobo

Adonia Adonia
Jahresausstellung Class Philipsz, HfBK Dresden, Germany

Mediator
Jahresausstellung Class Philipsz, HfBK Dresden, Germany 

CAMP!
Künstlerische Intervention mit Collectiv, Galerie Ladøns, Hamburg, Germany

음차연대 Tea Ceremony
Stressless Space, Academy of Fine Art, Vienna, Austria

2021.

Bak Byung Cheon
Radio International
Senatsaal, HfBK Dresden, Germany

Porzellan zerbricht doch
The Sixth Sense
HfBK Dresden, Germany


Temple of Void
The Sixth Sense
HfBK Dresden, Germany

White Archive Project (installation)
Die Angewandte Festival
Die Angewandte, Vienna, Austria

White Archive Project (digital)
We Send You This rgb(45, 116, 249)
digital format exhibition

Group show: Chasing Waterfalls 


19.01.2023–27.01.2023, Senatssaal, HfBK Dresden


Stream of Consciousness.  
 -Franciska Nowel Camino

„Don't go chasing waterfalls

Please stick to the rivers and the lakes that you're used to […]“

Die ersten Zeilen im Refrain des 1994 erschienenen R&B-Klassikers Waterfalls lesen sich zunächst, als ob das Hip-Hop-Trio TLC die Zuhörenden davon abhalten möchte, ihren Träumen zu folgen. Doch angesichts der Auswirkungen, die ein Treibenlassen bis zum Wasserfall haben kann, sickert das Verständnis durch: Die Lyrics ermutigen, sich an bereits bekannte, sichere Orte zu halten und selbstzerstörerisches und unvorsichtiges Verhalten zu vermeiden. Ein bisschen klingt die Aussage auch nach strengen Eltern, die ihre Kinder schützen wollen, oder eben wie besorgte Freund*innen, die aufeinander Acht geben. Die Ausstellung Chasing Waterfalls greift Elemente dieser popkulturellen Weisheit auf und schlägt unter den glossy und shiny Oberflächen der Kunstwerke auch ernste Töne an.

Die Künstlerinnen Yeonwoo Chang, Rebekka Homann, Li Kirnbauer, Rebecca Rudolf und Isabell Sterner folgen im Sinne des Songs keinen Wasserfällen. Sie konzentrieren sich auf Themen aus ihrem unmittelbaren Umfeld, auf Emotionen, die ihnen vertraut sind, die sie und ihre Umgebung beschäftigen. Darüber hinaus geht es ihnen aber auch um das Wasser als Metapher, seine sich selbst jagende Flut sowie seine hinreißende Brutalität. Das vitale Spritzen und Rauschen in Zusammenhang mit dem aggressiven und schmerzhaften Aufklatschen sind dabei Reflexionen eines inneren Dauerzustandes, der auf sein Außen reagiert und vice versa. In ihren intermedialen Arbeiten fangen die Künstlerinnen Wut, Liebe, Angst und Freude auf und lassen diese alltäglichen Gefühle und – nach bell hooks – Handlungen im Senatssaal der HfBK Dresden zusammenfließen.

Ob eine von ihrer eigenen Story gelangweilte Muschel oder eine sensible Lanze, mit Mustern verschmelzende Körper, zweiköpfige Vögel oder eine durch ihren Feed scrollende Schlange, alle Protagonist*innen eint eine surreale Realität. Das ist ein Oxymoron, ja, aber eben auch ein Zeitgefühl, das uns beim Betrachten widerfährt: Ähnlich wie bei Instagram oder TikTok begegnen wir einer Ansammlung von Gefühlen und Zuständen, denen wir mehr oder weniger anheimfallen, ohne artikulieren zu können, was eigentlich passiert. Es geht um den konstanten Fluss in jeder Hinsicht.

Eine koffeinabhängige und grundsätzlich unzufriedene Schlange, wie sie Rebekka Homann in The Introduction of the Snake (2022) animiert hat, kriecht etwas ‚lost‘ und offensichtlich verletzt, ein Generationsgefühl verkörpernd, durch ihre Umgebung. Die Perspektive der Schlange ist ungewöhnlich, die Betrachtenden müssen sich auf eine neue Sichtweise einlassen. Wie die Schlange mit biblischen Attributen verhaftet ist, gilt es, mit mythologischem Vorwissen, den Sirenen in She knows (2023) Vorsicht entgegenzubringen. Die Wasserwesen, die ihre Schönheit gekonnt einsetzten, um ihr Ziel zu erreichen, tauchen in Rebecca Rudolfs Videoarbeit als Thema und Motiv auf. Der ‚Siren Core‘-Trend verschmilzt dabei mit weiteren maritimen Rollenmustern und Symbolen. Der schimmernde Adulareszenz-Flair ist dabei nicht nur oberflächlich, sondern reicht bis in die Körpertiefen, wo schon manche unschuldige Seemänner gelandet sind. Die Künstlerinnen möchten die Betrachtenden zu Mitwissenden machen, sie an die Hand nehmen, wenn sie sich denn berühren lassen. Berührung einbüßend und emotional verkümmert ragt Isabell Sterners Condition 1 (2023) als Machtsymbol in die Höhe. Die Hautschicht und -masse der Skulptur drängt und verdrängt, bezwingt und entweicht. Ob erniedrigend oder selbst erniedrigt, die Skulptur ist Beton, Metall und Körperglibber. Besonders in Gegenüberstellung zu Yeonwoo Changs Doppelwesen, wird die Singularität und Einsamkeit der Lanze deutlich, aber auch ihr Spannungskomplex zwischen Fleisch und Architektur sichtbar – sie kann nicht anders, als sich selbst zu bedingen. Auch sie trägt Wunden, nicht nur oberflächlich. Die irisierende Oberfläche der Keramikarbeiten Two Head Problem (2022) kontrastiert mit Condition 1 auch diesbezüglich. 
Two Head Problem bezieht sich auf die buddhistische Erzählung Gong-Myung-Ji-Jo (共命之鳥), eines Vogels mit zwei Köpfen. Darin geht es um Eifersucht, Futterneid, Abhängigkeit, aber auch Wachsamkeit, Pragmatismus und Vertrauen. Alles Themen, die in Changs Arbeiten evident sind. Aus dem Tongefäß lässt sich nicht alleine trinken; es braucht eine zweite Person zum Anheben und Setzen. Die flächigen, glänzenden Eier sind zusammengewachsen, so sehr, dass sie ineinander übergehen, eine Form werden, keine Grenze mehr kennen, nur solche, die Dritte abschirmen. Und auch hier verlangt die Glanzschicht, dass man den Blick über sie schweifen lässt, um sie erfassen zu können. Ein klarer Draufblick ist aufgrund der schillernden Eigenschaft nicht möglich. Li Kirnbauer spielt in ihrer Fotoarbeit und Wandinstallation Flora (2022) ebenso mit Aspekten von Unsichtbarkeit und fließenden Übergängen. Es handelt sich bei ihrer Mimikry allerdings nicht um ein Versteckspiel oder eine Tarnung, sondern um ein mit-seiner-Umgebung-Verschmelzen und Selbstfürsorge. Die Wärmebild-Ästhetik erzeugt die Wahrnehmung ausgeströmter Körpertemperatur. Inspiration für die Tapete ist der Garten ihrer Schwester, dessen Reproduktion auch den Betrachtenden ein Gefühl von Geborgensein vermitteln kann. Durch ihre Zweidimensionalität nimmt die Fotoarbeit nur Fläche, keinen Raum ein. Sie begleitet die anderen Arbeiten und lässt ihnen bewusst Platz, ohne sich in Farbigkeit und Motivik zurückzuhalten.


Die Kunstwerke treten bei Chasing Waterfalls miteinander in Beziehung, ohne voneinander abhängig zu sein. Sie sind emotional zusammen gewachsen, aber nicht zusammengewachsen.

In allen Medien, von Video über Skulptur, Fotografie, Installation bis Performance richtet sich der Blick der Künstlerinnen auf die Mehrdeutigkeit und Momentbewegung des Wasserfalls in seiner Schönheit und Brutalität, als Bild und Gefühl. Der Bewusstseinsstrom ist fluktuierend und wird physisch. Chasing Waterfalls visualisiert durch materielles und intellektuelles Tun Körper und Feminismus auf nicht-kompetitive Weise und schafft die Freude am Aufkratzen von Normen und Strukturen. Die Ausstellung bietet so Zugang zu körperlichen Begegnungen und gemeinsamen Anliegen, Zugang zu Befriedigung und Zugehörigkeit.

Der Bandname ‚TLC‘ steht übrigens für die Sängerinnen T-Boz, Left Eye und Chilli, aber ist auch – unabhängig von der Band – das Kürzel für, ‚tender loving care‘. Jene zärtliche, liebevolle Fürsorge ist eine Konstante, die sich durch den Ausstellungsraum zieht. Chasing Waterfalls zeigt mit Kunst, dass ‚tlc‘ als Akt der Gegenseitigkeit und gleichzeitig als Praxis der Selbstbeobachtung gelten kann. Dieses selbstständige Handeln bedeutet Fortschritt und Hilfestellungen, gerade in einem akademischen Kontext, wie ihn der Safe Space der Hochschule bieten kann. Die Absurdität normativer Ordnungen ist in Chasing Waterfalls offensichtlich.

Die Künstlerinnen Yeonwoo Chang, Rebekka Homann, Li Kirnbauer, Rebecca Rudolf, Isabell Sterner gleichen einander nicht. Fünf Individuen mit unterschiedlichen Stärken, Werten, Wünschen und Zwängen. Trotzdem oder gerade deshalb herrscht in ihrer Gruppendynamik als Künstlerinnen selbstverständlich in jeder Form der Begegnung Gleichberechtigung.

In ihrer polyphonen und kollektiven Vorgehensweise sind die Künstlerinnen mutig, witzig, verletzlich, ernst, wehrhaft und sensibel. In ihrer Kunst stellen sie eine anekdotische Richtigkeit, die keine Belege braucht. Gefühlt geht es um Verantwortung für sich und andere.





Two Head Problem 
2023 

installation
stoneware ceramics, black tea, acryl objects, written text, double-sided tapes, glass objects, wax candles, photo 
dimension diverse